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Acht Herausforderungen für westliche Touristen – Das erste Quartett

Saudi-Arabien ist seit etwa fünf Jahren auf der internationalen, nicht muslimischen Tourismusbühne aktiv. Eine gewaltige, vom Kronprinzen verordnete Modernisierungsoffensive für Wirtschaft und Gesellschaft soll das Land neu aufstellen, den Tourismussektor explodieren lassen. Die Zahl von 100 Millionen Besuchern pro Jahr schwebt im Raum. Wir besuchen Saudi-Arabien vom 29. Dezember 2023 bis zum 11. Januar 2024. Mein Resümee: Die schwierigste Destination in den letzten acht Jahren als Weltrentner. Warum ich das so empfinde, zeigen die nachfolgenden acht Herausforderungen.

Wir planen jeweils eine Woche in Riyadh und Jeddah, übersehen dabei die archäologische Attraktion in Al´Ula. Hätten wir ex post betrachtet bequem in den 14 Tagen bereisen können. Für die beiden besuchten Metropolen sind sieben Tage einfach zu viel. Aber das wussten wir bei unserer Planung noch nicht. Mehr zu den konkreten Aktivitäten in Riyadh und Jeddah in weiteren Blogbeiträgen.

Beim Anflug auf Riyadh kämpft die Sonne mit den Wolken. Symbol für den Wettstreit zwischen religiöser Tradition und demokratischem Wertepluralismus

1     Image und Einreise

Stirnrunzeln im Freundeskreis. Ist das euer Ernst mit Saudi-Arabien? Wollt ihr wirklich ein Land besuchen, das politisch und gesellschaftlich mehr im Schatten als im Licht agiert, im Demokratieindex des „Economist“ nur unwesentlich vor dem Schlusslicht Nordkorea liegt? Ja, wir wollen. Denn Saudi-Arabien hat eine Vision, konkret die „Vision 2030“. Das größte Land auf der arabischen Halbinsel will weg vom Image eines empathielosen autokratischen Staates mit einem erzkonservativen, frauenfeindlichen Gesellschaftsverständnis hin zu einem respektierten Mitglied der Weltgemeinschaft mit modernen Strukturen und innovativen Projekten. Helfen sollen dabei sportliche und wirtschaftliche Großereignisse. 2030 ist die EXPO faktisch unter Dach und Fach, 2034 die Fußball-WM der Männer nach dem Rückzug von Australien ebenso. Gesellschaftliche Fortschritte hat es in den letzten Jahren bereits gegeben: das Autofahrverbot für Frauen ist aufgehoben, aber nur wenige Frauen scheinen nach meiner Beobachtung die neue Freiheit zu nutzen, die strikte Geschlechtertrennung in der Öffentlichkeit ist aufgeweicht, wobei zum Beispiel im Fitnessbereich die Trennung noch Gültigkeit zu haben scheint,

Vor allem im Fitnessbereich ist die Geschlechtertrennung noch allgegenwärtig. Hier links der Eingang für Frauen, rechts der Eingang für Männer. Bei einer Location von „Fitness First“ liegt der Trainingsbereich für Männer im Hauptgebäude, die Frauen sind in einem Nebengebäude, 50 Meter entfernt, untergebracht

die neue Kleiderordnung für Frauen macht Abaya, Hijab und Nijab nicht mehr verpflichtend. Der Wandel in Saudi-Arabien hat begonnen. Insofern, so denken wir, ein guter Zeitpunkt, dieses Land „im Aufbruch“ zu besuchen. Die Zutaten für unseren Motivationscocktail sind also Neugier auf ein touristisches Entwicklungsland mit scheinbar unbegrenzten finanziellen Mitteln, Neugier auf unbekanntes Terrain, vor allem im Vergleich zu den bereits besuchten Golfstaaten VAE, Oman und Katar, sowie der Reiz, touristischer Pionier zu sein. Natürlich stellen sich angesichts der erlebten Wirklichkeit höchst interessante Fragen: Kann Internationalität verordnet werden? Kann sich innerhalb einer Dekade ein Land neu erfinden? Gelingt es, Infrastruktur und Mindset, Wirtschaft und Kultur, parallel zu entwickeln? Können Tradition, wahhabistische Autokratie, und Modernität, Luxus-Getaway, Hand in Hand gehen? Um ehrlich zu sein: Zweifel sind, auf Basis unserer Erlebnisse und der daraus abgeleiteten Herausforderungen, angebracht.

Für einen Staat, der sich erst in 2018 / 2019 für internationale Besucher ohne Pilgerstatus geöffnet hat, sind Beantragung des Visums, gültig für zwölf Monate, und Einreise erstaunlich schnell und unkompliziert. Das eVisum, knapp zehn Minuten nach Versenden des Antrags war es auf meinem MacBook, kostet 120 Euro pro Person. Die Einreisemodalitäten am King Khalid International Airport überraschen: keine langen Warteschlangen an der Immigration, fingerbetonter Check In, vier Finder ohne Daumen für beide Hände, beide Daumen, dann nochmals beide Zeigefinger, plus Foto, und schon stehen wir mit einem unscheinbaren Stempel im Reisepass vor der zweiten kurzen Stempelkontrolle, und sind dann auch schon in der Baggage Reclaim Halle, unsere Koffer sind bereits auf dem Band. Saudi-Arabien – wir sind angekommen.

Bei der Ausreise am 11. Januar genügt der Zeigefinger der rechten Hand. Wir sind froh, in wenigen Stunden in Dubai zu sein.

Blick von der Skybridge im Kingdom Center Richtung Horizont

2     Entfernungen und Autoverkehr

Riyadh und Jeddah sind Autostädte mit bemerkenswerten Entfernungen zwischen den Sehenswürdigkeiten. Komplett ungeeignet für Fahrradfahrer und Fußgänger. Riyadh ist zum Beispiel fünfmal so groß wie Köln. Leider hat sich das Metro-Projekt in Riyadh deutlich verzögert, eigentlich sollte die Metro bereits 2023 fahren. Für Jeddah ist keine Metro geplant.

Viele der Metrostationen sind noch „under construction“. Spätestens zur EXPO 2030 wird aber das gesamte Netz betriebsbereit sein. Und dann wird die Überbrückung von Entfernungen in Riyadh ein Vergnügen

Entfernungen müssen also mit dem Auto zurückgelegt werden. Ohne Mietwagen, nur für die ganz Mutigen geeignet, haben wir uns mit Uber und Taxis fortbewegt. In Riyadh ist der Autoverkehr wesentlich dichter als in Jeddah, vor allem am späten Nachmittag kann die Fahrt von A nach B zur Geduldsprobe und zum Ärgernis werden. Beispiel: Wir wollen vom Kingdom Centre zurück in unser Hotel, sieben Kilometer mit dem Taxi.

Neben den grünen Taxis gibt es noch weiße. Einmal mussten wir ein weißes Taxi nehmen. Diese haben allerdings kein Taxameter, der Preis wird verhandelt

Der Taxifahrer stellt sein Taxameter auf Zeit an, üblich ist die Berechnung nach Kilometern. Wir stehen fast nur im Stau, die Uhr läuft munter weiter. Normal, nach Distanz berechnet, hätten wir 20 – 25 SAR (Saudi Riyal) bezahlt, umgerechnet sechs Euro. Wir zahlen das Doppelte. Doch selbst bei korrekter Einstellung brauchen wir an einem Abend für 19 Kilometer 56 Minuten, zu einem Preis von 82 SAR, 20 Euro. Gefühlt fahren in der Acht-Millionen-Metropole Riyadh acht Millionen Autos. In Jeddah ist es etwas entspannter. Da wir für alle Besichtigungen ein Auto brauchen, summieren sich die Kosten, trotz relativ günstiger Kilometerpreise von ca. 50 Cent. Für Uber und Taxi geben wir in Riyadh 140 Euro und in Jeddah 150 Euro aus. Ein Wort zu Uber: Sehr zuverlässig, deutlich günstiger als ein Taxi, aber bekanntermaßen ohne App nicht verfügbar. Wir haben darüber nicht nachgedacht, also keine lokale SIM gekauft, waren demnach von fremder Hilfe abhängig. So spielt es sich ein, dass wir die Fahrt vom Hotel zur Sehenswürdigkeit mit Uber machen, Rezeption ruft Uber, und die Fahrt zurück zum Hotel mit einem Taxi. Neben der Dichte des Autoverkehrs ist es die gängige Fahrweise, die mir den Schweiß auf die Stirn treibt. Nahezu 50 Prozent aller Taxis haben auf der Rückbank keine Sicherheitsgurte, bei Uber sind es nur zwei gewesen. Bei dieser Dynamik auf den Straßen sehe ich überraschenderweise nur wenig Unfälle.

Kreativität an den Roundabouts. Würdigung einer Crashkultur? Erstaunlicherweise habe ich trotz wilder Fahrweise wenig Unfälle gesehen

Meine „aufregendste“ Erfahrung kommt weder von einem Taxi noch von Uber. Als ich vom Halbtagesausflug zum „Edge of the World“ um 9pm zum Treffpunkt Carrefour, etwa 16 Kilometer vom Hotel entfernt, zurückkomme, ist weit und breit kein Taxi zu bekommen. Hilfsbereite Menschen mit Uber-App finde ich auch nicht. So „erbarmt“ sich ein Security Mitarbeiter, fährt mich zum Hotel zurück. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Ich sitze also vorne, auf dem Beifahrersitz. Und los geht´s. Mindestens zehnmal stehe ich eher auf der imaginären Beifahrerbremse als mein Fahrer auf der richtigen. Überholen rechts, überholen links, auffahren bis auf wenige Zentimeter, weg hupen, blitzartig von der äußerst linken Spur auf die Abbiegerspur, fast das gesamte Repertoire, mit Geschwindigkeiten von teilweise über 100 km/ h, eine Fahrt, die ich so schnell nicht vergessen werde. Und da seine App ihm einen Umweg zum Hotel anzeigt, darf ich auch seine Fahrkünste länger genießen. Natürlich entlohne ich ihn großzügig. Kurz vor 10pm halten wir vor unserem Hotel, ich bin mehr als erleichtert.

Am Flughafen erwartet den Neuankömmling eine Flotte schwarzer Limousinen oder aber die normalen grünen Taxis, die ca. 40 Prozent preiswerter sind. Doch Vorsicht auch hier: Der Taxifahrer startet mit 20 SAR und präsentiert dem Gast nach Ankunft im Hotel eine Quittung über den Fahrpreis zuzüglich 15 Prozent Mehrwertsteuer. Das ist nicht legal, der Fahrgast ist nur verpflichtet, den auf dem Taxameter angezeigten Betrag zu zahlen. In Riyadh sind wir noch reingefallen, in Jeddah nicht mehr. Meist haben die Taxis Bildschirme für ihre Fahrgäste auf der Rückbank, sodass es leicht ist, den genauen Fahrpreis im Auge zu behalten.

Auf der Rückbank der Flughafentaxis hat man Distanz und Preis immer im Blick

Auch bei einfachen Taxifahrten in der Stadt empfiehlt es sich, das Taxameter zu beobachten. So schaltet in Jeddah ein Pakistani sein Taxameter 500 Meter vor unserem Hotel plötzlich aus. Die Uhr zeigt 48.50 SAR. Bei Ankunft will er 99 SAR haben. Mit 50 SAR fährt er vom Hof. Zwei Erfahrungen mit Uber möchte ich noch erwähnen. Negativ: der in Jeddah bestellte Uber weigert sich, uns zu fahren, nachdem meine Frau (ohne meine Begleitung) ihn gefragt hat, ob er unser Uberfahrer sei. Der Fahrer war ein älterer Herr in traditioneller saudischer Kleidung. Honi soit qui mal y pense. Der zweite Uber, den das Hotel dann rufen musste, berechnete uns allerdings den nicht von uns stornierten ersten Uber. Dumm gelaufen. Positiv: Unser Uberfahrer spricht kein Englisch, zeigt mir nach Ankunft am Ziel den Fahrpreis, allerdings auf arabisch. Kurz zuvor hat ihn ein Freund angerufen, und er unterhält sich munter mit ihm. „How much“ Keine Reaktion, wieder nur das Zeigen des Betrages auf arabisch:

إثنان وستون

Da zieht er den Telefonjoker, fragt seinen Freund, und ich höre deutlich die Worte „sixty two“.

Böhmische Dörfer. Kommunikativ ist das Land schwierig

3     Kommunikation

Schon beim Check In im vier-Sterne WAW Hotel in Riyadh  werden wir mit einer Herausforderung konfrontiert, die repräsentativ für unsere Zeit in Saudi-Arabien werden sollte: Die beiden traditionell gekleideten Herren an der Rezeption sprechen kein Englisch. No English, diese beiden Wörter begleiten uns in fast allen Alltagssituationen. Ausnahme: das Ritz-Carlton in Jeddah, wo wir die letzten drei Nächte schlafen. Und wenn ein Brocken Englisch da ist, erstreckt sich die Kommunikation nicht auf Sätze mit Verb, sondern nur auf Substantive. Uberfahrer schlagen Taxifahrer in der Sprachfähigkeit, der „Luggage Boy“ im WAW Hotel, Islam, ist mit seinen Minimalkenntnissen unsere Rettung. Im Blue Diamond Hotel in Jeddah ist es ein junger traditionell gekleideter Saudi, der allerdings erst am späten Nachmittag seine Schicht an der Rezeption antritt.

Das haben wir so noch nie erlebt. Wobei es nicht wirklich überrascht, denn in der Vergangenheit gab es keine Notwendigkeit im Servicebereich, Englisch zu sprechen. Arabisch ist und bleibt die Pilgersprache. Bei unseren abendlichen Spaziergängen an der Corniche in Jeddah erhalten wir vereinzelte non-verbale Zeichen und einmal ein „Welcome“.  Dennoch können wir über fehlende Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit nicht klagen. Ich erinnere an das Beispiel des Security-Mitarbeiters, der mich ins Hotel zurückfährt, denke an den Security-und den Starbucks-Mitarbeiter, die mir beide in der Stadt einen Über zurück zum Hotel rufen.

Da kommt Freude auf – sechs Regale mit Bier. Der Wermutstropfen: Null Prozent

4     Non-Alkohol

Ja, Saudi-Arabien ist ein „dry country“, ein trockenes Land. Absolut für den Normaltouristen. Es mag in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen Ausnahmen geben. Über die spricht aber niemand.

Die Preise für alkoholfreien Wein liegen bei ca. 15 Euro

Es gibt auch, wie in Katar oder im Oman, keine speziellen Locations, die es Touristen erlauben, ein Bier oder ein Glass Wein zu trinken. Fresh Juices sind die Getränke der Wahl, ich habe den Alkohol nicht vermisst.

Auch an Silvester. Weder Feuerwerk noch prickelnde Freuden. Stattdessen sind wir im Hotel, schauen uns die Feuerwerke aus anderen Ländern an und genießen unser Silvester-Essen.

Was für ein genußvolles Silvester. Wird in die Weltrentner-Geschichte eingehen. Silvester mit Holsten 00

Ende Teil 1

 

 

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