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Die Säulenheiligen von Düsseldorf – Teil I

Sie begegnen Fußgängern und Radfahrern nicht auf Augenhöhe. Erst wenn der Blick nach oben geht, rücken sie ins Blickfeld. Denn sie stehen auf Litfaßsäulen, auf diesen mit Außenwerbung gestalteten Rundkörpern, vom Berliner Drucker Ernst Litfaß erfunden und 1854 erstmals verwirklicht. Kunst und Kommerz gehen eine Liaison ein. Dank Christoph Pöggeler, 1958 in Münster geboren, aber künstlerisch in Düsseldorf ausgebildet, stehen auf zehn Litfaßsäulen im Stadtgebiet lebensecht wirkende Polyester-Figuren, sogenannte „Säulenheilige“. Menschen, die vom Künstler individuell sichtbar gemacht und damit exklusiv hervorgehoben werden. Alle zehn Skulpturen stehen für eine alltägliche Lebenssituation, die uns der Künstler mit der Alleinstellung in der Höhe ins Bewusstsein rufen will.

Ich habe mir natürlich auch die Frage gestellt, welche Beziehung die Skulpturen zum Umfeld der Litfaßsäule haben. Da mir keine Statements vom Künstler vorliegen, mache ich mir eigene Gedanken. So sollte es eigentlich jeder Betrachter machen, denn das ist wohl das Ziel der Aktion: Menschen anzuregen, über gesellschaftliche und politische Themen, über unsere Zukunft, nachzudenken.

Die zehn Litfaßsäulen sind an einem Tag mit dem Fahrrad bequem zu entdecken. Zu Fuß ist die Herausforderung deutlich größer, da zwei „Säulenheilige“ außerhalb der City stehen. Ich empfehle jedoch Walking, da es an der Strecke viel zu sehen gibt. Mit Pausen und kleinen Abstechern solltet ihr zwischen sechs und acht Stunden rechnen. Ich bin leider bei meiner Tour, am Ende waren es 15 Kilometer, zu spät gestartet, erst mittags. Am Spätnachmittag wurde das Wetter schlechter. Deshalb habe ich nur neun von zehn geschafft. Am nächsten Tag bin ich dann wieder los, um die Nummer 10 zu entdecken. Da das Wetter vormittags sehr schön war, habe ich auch nochmals die „Säulenheiligen“ an der Rheinuferpromenade gecovert. Diesmal waren es zwölf Kilometer.

Und das ist das Ergebnis der beiden Tage.

# 1    Die Lesende

Standort: Hohenzollernallee 8e / Neumannstraße in Flingern.

Die Litfaßsäule steht vor der Bäckerei Oebel, davor PKW Parkbuchten, dahinter fünfgeschossiger Wohnungsbau. Blickrichtung Bushaltestelle Daelenstraße. Die junge Frau trägt einen kurzen roten Rock, und ihre schwarzen Haare sind zu einem Dutt gebunden. Zwischen den Händen hält sie ihren Lesestoff, ein Buch. Sie scheint auf etwas zu warten, vielleicht auf den Bus. Was wohl in der großen beigen Umhängetasche sein mag – ihre Einkäufe aus der Bäckerei? Sicher kein Laptop. Nicht nur zur Überbrückung von Wartezeiten gilt heute das Smartphone als Mittel der Wahl. Die Lesende, die dort seit 2016 steht, könnte Botschafterin für das Buch sein, für haptische Kommunikation. Denn ein Buch fühlt sich immer „wärmer“ an, auch im Hochglanzformat, als ein „kaltes“ Smartphone.

Interessant das Zusammenspiel zwischen der Außenwerbung und der Skulptur als Momentaufnahme. Nur mit Smartphone oder Laptop  lässt sich gegenwärtig die Ausstellung im Museum nach Hause holen, und online lassen sich Lebensmittel sehr einfach und bequem bestellen. Ich hätte, frei von Vorgaben, als Standort eine Litfaßsäule in der Nähe einer Bücherei gewählt oder als kommunikativer Kontrast in der Nähe eines Unternehmens aus der elektronischen Kommunikation.

Bis zum Hauptbahnhof sind es drei Kilometer. Dort steht

# 2    Der Fotograf

Standort: Konrad Adenauer Platz, Westausgang Hauptbahnhof.

Der Fotograf, heller Anzug, schwarzes Hemd, holt sich seine Motive bei den Menschen, die aus dem Hauptbahnhof kommen. Der klassische Fotoapparat weist ihn als Profi aus. Die Marke ist nicht zu erkennen. Der Standort ist gut gewählt, die Vielfalt an Motiven beeindruckend. Der Fotograf steht dort seit 2004. Er muss ein gewaltiges Archiv haben. Die Außenwerbung ist fest in PSD-Hand, eine Bank, die mit einem kostenlosen Girokonto wirbt „Die besten Sachen sind nicht teuer“. Eine Hasselblad dagegen schon. Ist der Fotograf eine Reminiszenz an die gute alte Fotografie-Kultur? Auch hier verzichtet der Künstler auf ein Smartphone oder Tablet.

Bis zum nächsten „Säulenheiligen“ sind es knapp 300 Meter.

# 3    Vater und Sohn

Standort: Kreuzung Immermannstraße / Oststraße.

Erstmals ein Paar aus Vater und Kind, beide sportlich angezogen. Die Umgebung ist busy, die sehr befahrene Oststraße, viele Restaurants und Geschäfte. Eigentlich keine familienfreundliche Umgebung. Für mich steht deshalb der mit starken Armen seinen etwa sechsjährigen Sohn schulternde Vater nicht an der richtigen Stelle. Ich hätte mich im Sinn einer Harmonie von Skulptur und Umgebung für eine Parkanlage entschieden. Für eine Location, die mehr Freizeitcharakter ausdrückt. Aber vielleicht wollte der Künstler gerade das nicht, sondern mit seiner privaten Skulptur im öffentlichen Raum einen Gegensatz schaffen. Bei aller Hektik im Alltag, vergesst Eure Kinder nicht.

Vater und Sohn stehen mit bemerkenswerter Disziplin seit 2003 an der Oststraße. Die momentane Außenwerbung wird vom Tabakkonzern BAT dominiert. Darauf haben Skulpturen und Künstler keinen Einfluss. Ich müsste mal bei der verantwortlichen Firma für die Werbung an den Düsseldorfer Litfaßsäulen nachfragen, ob die „Säulenheiligen“  eine Sonderstellung bei Preis und Inhalt der Plakate haben.

Bis zum WDR sind es knapp drei Kilometer. Dort steht

# 4    Marlis

Standort: Stromstraße / Höhe Ernst-Gnoß-Straße

Marlies ist die einzige „Säulenheilige“ mit einem konkreten Namen. Soll sie eine Journalistin des WDR darstellen? Figurbetont, blaue Jeans, rotes Shirt, Kopf in den Nacken, genußvoller Blick. Marlis macht einen sehr selbstbewussten Eindruck, blickt aber überraschenderweise den Rheinturm nicht an. Der Standort ist jedoch kein Zufall. Das höchste Gebäude in Düsseldorf neben der größten ARD-Anstalt. Eine Harmonie der Macht. Genug der Spitzen. Marlis steht dort seit 2001, sie war die zweite Pöggeler-Skulptur. Bei Zahnschmerzen ist der kompetente Zahnarzt nicht weit. Soll der Standort thematisch auf die Verantwortung der Medien für das gesellschaftliche Miteinander hinweisen? Eine aktuelle Frage. Warum der Künstler sie Marlis nennt? Auch diese Frage harrt einer Antwort.

Die nächsten fünf „Säulenheiligen“ stehen an der Rheinuferpromenade dicht zusammen. 1.5 Kilometer entfernt steht

# 5    Die Braut

 Standort: Schulstraße 4

Ganz in weiß strahlt diese Frau eine ansteckende Lebensfreude aus. Der Standort ist gut gewählt. Nach der Trauung in der 80 Meter entfernten Sankt-Maximilian-Kirche geht es ins gegenüberliegende Filmmuseum zum Feiern. Die Braut, elegant – beschwingt, hat den Ring am richtigen Finger. Ein wunderschönes Motiv. Die schlanke Braut mit Kurzhaarschnitt blickt dankbar Richtung Kirche, nicht Richtung Rhein. Sie ist voller Optimismus für ihre weitere partnerschaftliche Zukunft. Sie steht dort seit 2006. Ob sie heute noch so glücklich wie damals ist? Die Ehe als langfristiges Investment oder nur eine Episode im Leben?

Teil II folgt in Kürze.

 

 

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