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Sechs Stunden mit Fitz & Follwell

Um es zu personalisieren: Sechs Stunden mit Tom und Martin. Beide sind Tour Guides bei Fitz & Follwell, ein junges Unternehmen, das auf Fahrradtouren spezialisiert ist. Mit Tom fahre ich die „South Tour“, mit Martin die „North Tour“. Jede Tour dauert drei Stunden. Ich trenne South und North, fahre an unterschiedlichen Tagen. Wer möchte, kann auch an einem Tag die Kombi fahren.

Im Eckhaus laufen bei Fitz & Follwell die Fäden zusammen.

South Tour.Wir sind sieben Teilnehmer plus Tom. “Heute steht der Business District im Fokus”, so Tom bei seiner Begrüßung. Wir fahren über die Rue Rachel, sicher auf der Fahrradspur, zu unserem ersten Stopp zwischen Parc Jeanne Mance und Mont Royal: das Denkmal von Sir George-Etienne Cartier, von 1857 – 1862 Premierminister und einer der Väter des kanadischen Bundesstaates. Tom nimmt uns mit in die bewegte Geschichte der Integration der französischen Provinz Quebec in das englischsprachige Kanada. Stolz erzählt er über den Mont Royal, „this is a mountain, not a hill“, über die sich dort bietenden Freizeitmöglichkeiten im Sommer und im Winter. Kilometerlange Wanderstrecken, die auch mit dem Fahrrad befahren werden dürfen. Ein Naturparadies. Perfekt für cross-country skiing.

Das Denkmal von George-Etienne Cartier am Fuß des Mont Royal.

Unser zweiter Halt: die McGill Universität. Eine von zwei englischsprachigen Universitäten in Montreal. Die andere ist die Concordia Universität. Beide haben jeweils über 40.000 Studenten.

McGill University. Die Fakultät für „Arts“.

Vorbei an der Statue des Gründers, geht es auf die Straßen der Innenstadt, die auch mehrheitlich über Fahrradwege verfügen.

James McGill.

Am Park Square Victoria passiert etwas Sonderbares. Wir überqueren eine Straße, die Ampel zeigt schon grün für Fußgänger, aber noch rot für Autofahrer. Wir fahren los. Nach vielleicht zehn Sekunden dürfen auch die Autos fahren. Auf der anderen Seite der Straße angekommen, springen plötzlich zwei Polizisten „aus dem Gebüsch“. Eine kleine verbale Auseinandersetzung zwischen Tom und einem der Polizisten lässt uns ratlos werden. Tom klärt uns auf. Die Stadt habe die Vorschrift „Grün für Fußgänger ist gleich grün für Fahrräder“ geändert und schon in Kraft gesetzt. Fahrräder sind jetzt Autos gleichgestellt, dürfen also erst beim Auto-grün fahren. Wir hatten ja noch rot. Diskutieren hilft nicht. Tom muss 135 Dollar Bußgeld zahlen. Es ist der 30. August. Am Monatsende sei die Polizei  besonders kontrollwütig, da interne Vorgaben zu erfüllen seien. Während der fünfminütigen „Zwangspause“ holt der Kollege von der Polizei einen weiteren Radfahrer, aber auch einen Fußgänger zu sich. Während der Tour habe ich vier von diesen  Kontrollpunkten gesehen. Die Monatsquote muss stimmen.

Der Metro-Eingang am Square Victoria hat französischen Flair.

Wir brauchen jetzt einen Kaffee. Den nehmen wir im „Maison des Eclusiers“, ein sympathisches Restaurant mit einem industriellen Erbe der Stadt, dem Silo 5, im Hintergrund.

Blick auf Silo 5. Seit mehr als 20 Jahren wird über eine neue Nutzung diskutiert.

Terrasse des Restaurants.

Wir haben die Parkanlagen am Sankt-Lorenz-Strom erreicht. Tom erzählt uns vom Ende der Industrialisierung und dem Neubeginn mit sauberen Wirtschaftsbranchen wie IT, Multimedia und Tourismus. Wir fahren nach der Pause entlang des Wassers bis zur katholischen Kirche Notre-Dame-de-Bon-Secours. Beim vierten Stopp am Festivalgelände neben dem Riesenrad hören wir, neben Geschichten zur Altstadt, auch Interessantes zu den beiden Inseln Sainte-Helene und Notre-Dame. Leider bietet Fitz & Follwell keine Tour dorthin an. Ich werde das also individuell machen.

SPA auf dem Boot.

Im Hintergrund die beiden Türme von Notre Dame.

Das Riesenrad am Festivalgelände.

Wer es denn mag …

Notre-Dame-de-Bon-Secours. Eintritt für die Aussichtsplattform: Fünf Dollar.

Dann geht es über den Boulevard Rene Levesque, natürlich mit Fahrradspur, in die Rue Panet Richtung Parc La Fontaine. An der Ecke Rue Panet / Rue Sainte-Catherine machen wir den fünften Stopp. Wir sind im Stadtviertel Le Village, das auch Gay Village genannt wird. Über uns tausende von Rainbow Balls, „Balls everywhere“, so Tom.

Balls …

… everywhere. Im Sommer hat die Sainte-Catherine Kultstatus.

Weiter auf der Rue Panet mit kleinen Steigungen erreichen wir exakt nach drei Stunden den Parc La Fontaine, an dessen Westende Fitz & Follwell liegt.

Der wunderschöne Park La Fontaine.

Kreative Ruhe.

North Tour. Eine Woche später mit Martin durch verschiedene Neighbourhoods im Nord-Westen von Montreal. Ich bin der einzige Teilnehmer, dennoch findet die Tour statt. Bei Tom standen die glamourösen Highlights von Montreal im Mittelpunkt, bei Martin sind es die stillen, lokalen Höhepunkte, abseits der Mainstream-Touristenströme in Downtown. Wir fahren durch ruhige grüne Alleyways, Gassen, die zwischen geschäftigen Hauptstraßen verlaufen, wir besuchen den Parc du Portugal mit dem ehemaligen Wohnhaus von Leonard Cohen und „atmen“ den Lokalkolorit im portugiesischen Viertel ein, wir bewundern Streetart in vielen Straßen und auf Parkplätzen, wir genießen die Ruhe und die Parks im wohlhabenden Outremont, wir machen Station beim St-Viateur Bagelshop im Mile-End und decken uns für unseren Lunch im Hinterhof eines Multimedia-Unternehmens mit Bagels und Cream Cheese ein, und wir schlendern über den Jean Talon Markt in Little Italy, der größte Obst-und Gemüsemarkt in Montreal.

Eine von ca. 400 grünen Alleyways mitten in der Stadt.

Streetart am Parc du Portugal.

Der Blick von Outremont auf den Mont Royal.

Für viele der beste Bagel-Shop in Montreal.

Der bekannteste Markt in Montreal. Liegt in Little Italy.

An den Stationen, und auch während unserer Fahrt, erzählt Martin viel über das Leben, über Lebensqualität in Montreal. Da wir nur zu zweit sind, kommt ein wirklich gutes Gespräch zustande. Wir sprechen auch über Deutschland, über Politik und allgemeine Themen. So intensiv, dass wir, dass Martin, den Blick für die Zeit verliert. Gestartet sind wir um 10am, hätten um 1pm wieder bei Fitz & Follwell sein müssen. Wir kommen 35 Minuten später an. Für Martin kein Problem, obwohl um 2pm seine nächste Tour startet.

Beide Touren vermitteln eine besondere Sicht auf Montreal. Die South Tour steht für Geschichte, Gebäude und Institutionen und Mainstream-Attraktionen. Die North Tour steht für Gegenwart, urbanes Leben und Attraktionen jenseits des Mainstream. Deshalb sind beide Touren unbedingt empfehlenswert.

Neben diesen Fahrradtouren bietet Fitz & Follwell auch Walking-Touren an. Zum Beispiel einen Spaziergang „From River to Mountain“. Diese geführte dreistündige Tour bis zum höchsten Punkt des Mont Royal kostet 39 Dollar pro Person. Plus 15 Prozent Steuern. Wir entscheiden uns, diesen Walk individuell zu machen. Meine beiden Fahrradtouren als Kombi haben zusammen 150 Dollar inklusive Steuern gekostet, das sind 99 EUR. Als singuläre Veranstaltung zahlen die Teilnehmer pro Tour 57 EUR. Fahrrad, Helm und Wasser, bei der North Tour auch die Bagels, werden vom Veranstalter gestellt.

Der berühmteste Sohn der Stadt: Leonard Cohen.

Welche war nun die attraktivere Tour? Für mich hat die North Tour einen leichten Vorteil, da ich wesentliche Attraktionen der South Tour auch individuell zu Fuß entdecken kann. Bei der North Tour, off the beaten track, bin ich deutlich mehr vom Guide und seinen Kenntnissen der Neighbourhoods abhängig. Am besten also beide Touren buchen.

 

 

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