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Karneval auf Aruba – Parade vor Sonnenaufgang

03. Februar. Der Wecker klingelt um zwei Uhr morgens. 45 Minuten später stehe ich bei Dona Clara in der Wilhelminastraat in Oranjestad und warte auf einen Minibus, der mich für zwei Dollar nach San Nicolas bringen soll. Wir sind zu viert, ein Latino, der nur spanisch spricht, eine junge Frau, die ihre Müdigkeit kaum unterdrücken kann und ein älterer Mann, der wirr seinem massiven Holzstock umher schwenkt und uns auf Papiamento unterhält. Kurz nach drei Uhr fährt ein Toyota Minibus vor. Der Fahrer steigt aus und wartet auf mehr Gäste. Als wir nach weiteren zwölf Minuten endlich abfahren, sind wir zu siebt. Wir fahren noch andere mögliche Treffpunkte ab, allerdings ohne Erfolg, und sind kurz vor vier Uhr in San Nicholas. Just in time.

San Nicholas ist die zweitgrößte Stadt auf Aruba, etwa 20 Kilometer von Oranjestad entfernt. Hier findet heute zu dieser Zeit der „Jouvert Morning“ statt, eine Karnevalsparade, die ihren Ursprung in Trinidad hat. Jour ouvert – der Tag öffnet sich. Deshalb beginnt die Parade auch in der Nacht und dauert bis kurz nach Sonnenaufgang.

Wenige Minuten nach 4am setzen sich die sieben Musik-Trucks in Bewegung. Eine Straßenparty beginnt, die ich so noch nie erlebt habe. Soca-Rhythmen dominieren die warme von einem angenehmen Wind gekühlte Sommernacht. Soca ist eine Musikrichtung, die aus Calypso, Soul, Funk und Hip Hop besteht. Hohes Tempo, tiefe Bässe, Ganzkörper-Workout.

Jeder der sieben Trucks mit Band und gewaltigen Lautsprechern sammelt auf der Strecke seine Fans ein, die dann tanzend im Rhythmus der Musik hinter dem Truck herlaufen. Klingt irre, ist auch so. Die Musik schafft eine unglaubliche Begeisterung unter den mitlaufenden Fans und elektrisiert die Zuschauer am Straßenrand. Die Menschen tanzen sich in Trance, unterstützt durch Alkohol. Viele haben die 1.5 Liter Supermarkt-Orangenflasche dabei, wohl nicht gefüllt mit O-Saft. Viele laufen mit Whiskey und Cognac-Flaschen, einige mit dem heimischen Balashi-Bier. „Am Ende sind alle betrunken“, so unsere Vermieterin Sharon. Gesehen habe ich nur wenige Ausfälle, aber nach Ende der Parade geht es ja weiter.

Beim Standortwechsel gehe ich durch eine “Bar-Straße“. Alle Etablissements haben geöffnet, die Damen stehen leicht bekleidet vor der Tür und wippen zur Musik, die etwa 50 Meter entfernt ist.

Was um 4am noch ein Rinnsal, um 5am bereits ein Bach, ist um 7am ein Fluss, der sich durch die Straßen von San Nicholas windet. Herrlich, um kurz vor 7am, den Sonnenaufgang hinter einem der Trucks zu erleben. Ich genieße es, im Rhythmus der Musik die Tanzschritte zu setzen, bei weitem nicht so elegant wie meine Mitläufer und Mittänzer, aber wen interessiert das schon?

Der Jouvert Morning in San Nicholas war traditionell eine auf die Straße gebrachte Pyjama-Party. Die Menschen liefen früher im Nachthemd, im Schlafanzug oder was immer der Mensch nachts im Bett trägt. Ich habe an diesem Morgen aber nur wenige im traditionellen Look gesehen, der auch Morgenmantel und Bademantel einschließt.

Die Teilnehmer haben ihr Outfit auf alle möglichen Fancy-Kostüme ausgedehnt, vom Terroristen mit Bombengürtel, wie geschmacklos, über den Clown bis zum Prinzessinenrock mit Krönchen.

Oder laufen einfach knapp bekleidet mit. Karneval muss auch sexy sein.

Die Tradition, den Körper anzumalen oder andere mit Farbnebel zu besprühen, ist nach wie vor präsent. Ein junger Mann läuft mit Farbeimer und Pinsel hinter verschiedenen Trucks und treibt vorwiegend die Damenwelt zu hysterischen Ausbrüchen. Aber auch Unbeteiligte am Straßenrand werden zum Ziel. Als er dynamisch auf mich zukommt, spiele ich den Spielverderber. „Please, no“. Er lacht, reicht mir die Hand und taucht in der Menge unter. Es war ein farbiger Handschlag.

Ich lerne einen lokalen Fotografen kennen, der gezielt Tänzer herauswinkt. „May I join you in taking fotos?“. Welcome. So bekomme ich einige tolle Bilder von ausgewählten Menschen und Kostümen, sozusagen als Trittbrettfahrer. Ich treffe ihn dreimal auf der Strecke.

Um 8:30am sind wir wieder am Startpunkt in der Nähe des Stadions. Auf der Zielgeraden geht es nochmals heftig zur Sache, die Menschen laufen jetzt vor, neben und hinter den Trucks, Paare tanzen in eindeutigen Posen, aber nichts läuft aus dem Ruder. Das ist auch der Polizei zu verdanken, die mit ihrer Präsenz in der Parade ein wichtiger Garant für Disziplin in der Ausgelassenheit ist.

Nach dem Zieleinlauf des dritten Trucks gehe ich zweihundert Meter zur Bushaltestelle. Nach knapp 20 Minuten kommt der erlösende Minibus, der mich bis vor die Haustür in Oranjestad fährt (die Lagoon Studios liegen auf dem Weg zu Dona Clara). Um 9:30am bin ich wieder zu Hause, müde, aber voller Vorfreude auf den Abend. Auf dem Programm steht die Oranjestad Lighting Parade. Start: 8pm. Einer der Höhepunkte des Karnevals in Oranjestad. Die Gruppen haben tausende von kleinen Lichtern in ihre Kostüme eingebaut. Gigantisch. Leider stößt mein iPhone bei Dunkelheit und Bewegung an seine Grenzen. Deshalb sind die meisten Fotos nicht verwendbar.

Kurz vor 2am sind wir wieder in den Lagoon Studios. 24 Stunden Karneval, mit einer zweistündigen Siesta. Dushi.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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